Auswanderung

Vielleicht werden Sie sich fragen, was Entstehung und Bedeutung des Namens Leingang mit dem Auswandern zu tun hat. Auf den Ersten Blick nicht viel, aber die Verbreitung des Namens legt den Schluss nahe, dass  sich  Leingangs in der Vergangenheit aus ihrem Stammgebiet auf den Weg in die Welt gemacht haben. Diese Seite soll – ohne auf Anspruch auf Vollständigkeit oder tiefere Details  –  einen  kurzen Überblick besonders über die Auswanderungswelle nach Russland geben.


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Katharina II, Russische Herrscherin, 1729 bis 1796, warb um Deutsche Bauern und Handwerker, Quelle Wikipedia
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Zeittafel: Besiedlung der Ukraine im 18. Jahrhundert Quelle: Siehe Webseite

Der Name Leingang stammt zwar mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem deutschsprachigen Raum, ist aber nicht nur in Deutschland, sondern  viel häufiger noch  in den USA zu finden.Dies rührt daher, daß besonders im 18. und 19. Jahrhundert Leingangs aus Deutschland,  speziell hier aus der Südpfalz ausgewandert sind. Meistens war das Ziel die Süd-Ukrainische  Region um die Krim, manche wählten aber auch den direkten Weg nach Amerika.

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Das Einladungsmanifest von Katharina II zur Besiedlung der Ukraine und der Krim im Jahr 1763. Quelle: Siehe Webseite

Der Grund für die Auswanderung war wohl weniger Abenteuerlust, sondern vielmehr wirtschaftliche Notlagen und Perspektivlosigkeit hier in der Heimat. Außerdem hat besonders die Russische Herrscherin Katharina II gezielt nach Bauern und Handwerkern zur Besiedlung der Krim und der Ukraine geworben und dafür eine Reihe von Vergünstigungen gewährt.
Diese wurden dann aber nach und nach wieder rückgängig gemacht, sodaß  sehr viele Familien aus Rußland wieder abwanderten, teils  in ihre alte Heimat, die meisten aber  direkt nach Amerika. So kamen sehr viele Leingang – Familien in die USA, deren Wurzeln hier in der Südpfalz liegen.
Auf dieser Seite  finden Sie einige Informationen, Fakten und Namen zu diesem Thema, ohne den Anspruch  auf Vollständigkeit, weil dies den Rahmen und das Thema der Gesamtseite sprengen würde. Vielen Dank auch den Personen, die durch ihre Zustimmung die Veröffentlichung der Daten und Publikationen ermöglicht haben.


Der Pfälzer Journalist und Autor Helmut Seebach hat in seinem Buch : Zur Geschichte der Südpfalz, Band 3, Nachtragsband, (zu bestellen über den Buchhandel oder beim Bachstelz – Verlag, Waldstrasse 6, 55124 Mainz, näheres am Ende des Textes ) anschaulich und interessant geschildert, wie es den damaligen Russland – Aussiedlern ergangen ist.  Mit seiner freundlichen Genehmigung habe ich hier Abbildungen und den folgenden Auszug   aus seinem  Buch eingefügt:


VON HELMUT SEEBACH
Das russische Auswanderungsfieber grassierte in der Südpfalz im Jahr 1809 wie eine Epidemie. Für einen heutigen Südpfälzer ist kaum nachvollziehbar, dass jemand Haus, Dorf und Heimat für immer verlässt und auf eine bessere Zukunft vertraut, ohne zu wissen, was ihn am fremden Ort erwartet. Auswanderung – und dann auch noch nach Russland!
Im Frühjahr jenes Jahres meldeten die Lokalbeamten eine ungewöhnlich große Zahl von An- und Verkäufen von Mobilien und Immobilien. Bald danach häuften sich die Meldungen über heimliche Auswanderungen. Dem Bürgermeister von Offenbach,  der ausreisewilligen Bürgern die Reisepässe abnehmen wollte, wurde gedroht. ihm das Haus anzuzünden. Dominik Geiger scheint sich nicht heimlich oder mit einer vorgeblichen  Wallfahrt aus Kuhardt verdrückt zu haben. Denn in einer Auswanderungsliste für den Kanton Germersheim ist er aufgeführt:
„Geiger, Dominique, 23 Jahre, Tagelöhner.mit seiner Frau“. Er ist der jüngste Verheiratete unter den insgesamt 34 Personen aus Kuhardt.Aus der ganzen Vorderpfalz kommen Auswanderer, die nach Russland wollen: Bellheim (13 Personen),Germersheim (3), Hördt (42), Knittelsheim (47), Lingenfeld (37), Neupotz (4), Niederlustadt (15),0berlustadt (19), Ottersheim (102), Schwegenheim (1), Sondernheim (17), Weingarten (7). Zeiskam (21).
ln den ersten Maitagen des Jahres 1809 muss in den Rheindörfern Neupotz,  Leimersheim und Kuhardt  Aufruhr geherrscht haben. Dutzende von Bauernwagen wurden gepackt für den Treck nach Russland. 105 Leimersheimer bestiegen am 9. Mai die mit Planen überzogenen Leiterwagen.
Sechs Säuglinge wurden zu ihren Müttern hoch gereicht. Frischvermählte waren darunter: Der 21jährige  Johannes Schardt hatte tags zuvor die erst 13jährige Anna Elisabeth Hammer geheiratet. Somit konnten sie Landbesitzer von 60 Deßjatinen Land (45,4 Hektar) in der russischen Steppe werden.
Tags darauf, am 10. Mai, meldete der Leimersheimer Bürgermeister Hans-Michael Kuhn, dass ein Dutzend Familien  heimlich das Dorf in Richtung Osten verlassen habe, obwohl vor Tagen öffentlich mit der Ortsschelle bekannt gegeben worden war, dass es verboten ist, ohne Erlaubnis des Präfekten auszuwandern.“ Gewöhnlich wurde mit einem Wagen  eine Familie von vier bis fünf Personen befördert.
Aber es gab auch Familien, die mit acht oder neun  Kindern auf einem Wagen saßen.
Die Tatsache, dass damit die Familien mit samt ihrem Reisegepäck, dem Proviant und der notwendigen Ausrüstung  auf einer Strecke von rund 3000 Kilometer zu transportieren waren, macht klar, dass es große und schwere Wagen waren, wie sie einst von den Dorfhandwerkern gebaut wurden. Manchmal organisierten sich 15 bis 20 Familien zu einem gemeinsamen Wagenzug.
Sie reisten auf dem Landweg über Böhmen, Mähren, Schlesien bis zur russischen Grenzstadt Radziwillów. Wegen schlechter Straßen dauerte damals die Überlandreise fast drei Monate.
Die Kolonisten kamen im Sommer 1809 in drei Gruppen von der Grenzstadt Radziwillów nach Odessa. Die erste Gruppe, die für das Beresaner Tal bestimmt war, fuhr rechts weiter nach Süden, die anderen fuhren links zu einem Nebenfluss des Bug, wo sie dann die Kolonien Rastatt und München gründeten. 86 Kilometer nordöstlich von Odessa und etwa 46 Kilometer nordwestlich der Stadt Nikolajew, mitten in der südrussischen Steppe, machte der Treck plötzlich Halt.
Nun kam es zu einer Szene, wie sie in Western vorkommt, in denen es um die Besiedlung der amerikanischen Steppe geht.
Auch dem frisch vermählten 22jährigen Dominik Geiger und seiner Ehefrau Elisabeth wird das Geschehen im Gedächtnis geblieben sein: An der Stelle der noch zu gründenden Kolonie Speyer, dort, wo die spätere Hauptstraße angelegt werden sollte, südlich der Kirche, wo dann die Häuser von Kasper Wanner und Mathias Dietrich stehen würden, sagte der Oberschulze Franz Brittner zu den Auswanderern:
„Das ist eure neue Heimat. Ladet eure Sachen und Gepäck ab!“
Die Kolonisten fragten: „Wie kann diese öde Wildnis unsere neue Heimat werden?“
Die Schwarzerde war eine Herausforderung, der Boden war viel härter als erwartet.
Wie leicht war dagegen das Pflügen in dem sandigen Boden ihrer alten Heimat am Ufer des Rheins gewesen!

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Bauernhof im Ukrainischen Strassburg. Aus dem Buch von Herrn Seebach

Jede Familie bekam Hofplätze zugeteilt. Es wurden Erdlöcher ausgehoben und mit Schilfrohr und Grasnarben bedeckt. Diese Erdhäuser dienten im ersten Winter als Wohnungen. Darin war es kalt und feucht. Man musste mit getrocknetem  Kuhmist heizen, denn auf 30 Meilen im Umkreis wuchs kein Holz.Von den Leiden und Mühsalen der Auswanderer nach  Südrussland wusste man in der Pfalz noch nach mehreren Jahrzehnten zu erzählen.

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Das letzte “ Kronshäuschen“, schilfgedeckt und mit den typischen gekreuzten Pferdeköpfen am First verziert, war 1911 etwa 100 Jahre alt und stand in der Kolonie Speyer. Grafik aus dem Buch von Helmut Seebach

Eine volkstümliche Redewendung in der Südpfalz geht darauf zurück:
„Der eine kommt ins Pfefferland, der andere in die Krim “
Mit dieser Drohung wurden in der Gegend von Landau streitende Kinder zur Ruhe gebracht.
Die Kolonie Speyer wurde in den Jahren 1809/1810 gegründet. Speyer bekam seinen Namen auf Vorschlag des Kolonisten Johannes Schanz, der aus Lingenfeld stammte.
Am 1. Januar 1811 lebten in der Kolonie Speyer 102 Familien: 212 Männer und 236 Frauen,  zusammen 448 Seelen, überwiegend katholischer Konfession. Von den 102 Gründungsfamilien  stammten 64 aus der Südpfalz, 27 aus dem Elsass und elf aus Baden. Das zaristische Kolonisations – Unternehmen in der südrussischen Steppe war nicht von Anfang an erfolgreich. Es galt auch hier das Sprichwort:
Der ersten Generation der Tod,
der zweiten Generation die Not,

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Quelle: Buchvorstellung in der Rheinpfalz

der dritten Generation das Brot!

 

Obwohl Südrussland zu den fruchtbarsten  Gegenden Europas zählte. Die Schwarzerde enthielt viel Stickstoff, so dass man eine hohe Ernte ohne Düngemittel erzielte.Die Bauern pflanzten Weizen, Roggen, Gerste,  Hafer, Mais, Sonnenblumen, Kartoffeln, Wein und Melonen mit Erfolg an. Sie wandten das ihnen vertraute Dreifeldersystem an, bei dem Winterweizen, Sommerkulturen und Hackfrüchte mit Schwarz-oder Grünbrache abwechselten.
Ihr Fleiß und ihr Können ließ einen Garten Eden in der südrussischen Steppe entstehen.
Die Landwirtschaft entwickelte sich auf breiter  Basis, und der Wohlstand der Speyerer Bauern nahm zu. Handwerk, Handel und Gewerbe florierten ebenfalls.
Waren es in Leimersheim aufgrund der Realteilung nur zwei bis drei Hektar Land, das ein Bauer im Durchschnitt sein Eigen nennen konnte, so war er in Südrussland in jeder Hinsicht ein Großbauer. Es gab sehr reiche Bauern in Speyer, die 150 bis 500 Hektar gekauftes Land bewirtschafteten. Die pfälzisch-elsässisch-badischen Kolonistendörfer in  Südrussland sind keine „potemkinsche Dörfer“, die schriftlichen und mündlichen Quellen liefern glaubwürdige Berichte darüber, dass sie bis 1914 zu den reichsten und am  besten organisierten Siedlungen nicht nur in der Ukraine, sondern in ganz Russland zählten. Die Namen der anderen ehemaligen deutschen Siedlungen im so genannten Kutschurganer und im Beresaner Gebiet erinnern ebenfalls an die alte Heimat. Sie trugen Namen wie Heidelberg, Worms, Mannheim, Rastatt, Karlsruhe, Baden, Durlach, Sulz, Selz, Straßburg, Elsass, Neuburg, Rohrbach, Kandel, Landau und eben Speyer.
Mit den Ansiedlern kamen auch unsere Sprache, Sitten und Gebräuche in jene Gegenden. Den Bewohnern von Rohrbach in der Südpfalz wie denen von Rohrbach im Beresaner Gebiet sagt man nach, sie würden stets ein Messer im Sack mit sich tragen, was ihnen jeweils den Necknamen „Stecher“ eingebracht hat. Und dieses Image von Rohrbach muss demnach schon vor 1800, also vor der Koloniegründung (1808/1810), allgemein bekannt gewesen und dann  mit in die russische Steppe genommen und auf das neue Rohrbach übertragen worden sein.
In Pater Konrad Kellers „Revisionsliste der  Kolonie Speyer 1839-1840“, die 30 Jahre nach der Koloniegründung angefertigt wurde, taucht unser  Auswanderer aus Kuhardt als Familienvater wieder auf:
„Dominik Geiger 52 Jahre alt und hat mit Elisabeth,  geb. Schaf, 48 Jahre alt, aus Leimersheim. einen 13jährigen Sohn mit Namen Anton.“Rund 150 Jahre und mindestens vier Generationen später zerstreuten sich vor allem nach dem Zerfall der Sowjetunion die Nachkommen der Urkolonisten in alle Welt.  ln Amerika leben heute viele mit schwarzmeerdeutscher Herkunft in den Bundesstaaten Nord- und Süddakota.
ln die Bundesrepublik gelangten vor allem in den 1980er Jahren tausende sogenannter „Russlanddeutscher“ in das Stammland ihrer Vorväter,
hunderte davon auch wieder in die Pfalz, etwa nach Kandel, nach Germersheim oder gar in die Domstadt Speyer.


DER AUTOR:
Helmut Seebach ist Journalist, Autor und Verleger (Bachstelz-Verlag), 1954 geboren, stammt aus Queichhambach und wohnt in Mainz.
DAS BUCH:
– Helmut Seebach. Zur Geschichte der Südpfalz. Band 3. Nachtragsband, 42 Euro.
– Zu bestellen beim Bachstelz-Verlag, Waldstr. 6, D- 55124 Mainz, oder im Buchhandel.
http://www.bachstelz-verlag.de/
http://www.bachstelznest.de/



Soweit der  Auszug  und Bilder aus dem Buch von Helmut Seebach und  weiteren Abbildungen von Wikipedia. Falls Sie die allgemeine Geschichte der Südpfalz, der ursprünglichen Heimat der Leingangs,   näher interessiert, finden Sie weitere Informationen und Bilder in dem genannten Buch von Herrn Seebach, dem ich hier nochmals für seine  Abdruck- Genehmigung danke.



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